Laudatio

Dr. Jutta Lindemann

Udo Klenner "Reihung und Verschiebung"

Menschen haben über Jahrtausende ihre Welt und ihre Zeit auch über eine spezielle zugleich abstrakte wie sinnbildhafte Zeichensprache definiert, mit der sie die Gegenstände ihres Alltags überziehen: die Ornamentik, die durch rhythmische Verteilung auf einer Fläche oder einem Gegenstand zum Dekor wird – auf Textilien oft auch Dessin genannt.
Das Besondere daran ist, dass es dem Erfinder von oft sehr differenzierten und meist, aber nicht immer symmetrischen Einzelornamenten und strukturierten Dekoren im glücklichsten Fall gelingt, Wesen und Geist einer ganzen Kultur auf eine auf kleinstem Raum konzentrierte und doch ausdrucksstarke und unverwechselbare Formel zusammenzufassen, die uns heute noch eindeutig verständlich ist. Zu einer rasanten Zeitreise kann so beispielsweise die Renovierung eines alten Hauses geraten, wenn man beginnt, Schicht für Schicht die papierenen Dekorträger der letzten Jahrzehnte von den Wänden zu lösen, mitsamt ihren Bildgeschichten aus der Zeit unserer Altvorderen – die Tapeten.
Die Rocaille, die Muschelform, die dem davon überwucherten Rokoko seinen Namen gab, die linear schwingenden verschlungenen Pflanzen des Jugendstils, die elementaren technoid kantigen Stilisierungen der Bauhauszeit  charakterisieren ganze Zeitabschnitte europäischer Kulturgeschichte – doch daneben oder besser davor finden wir eben auch die üppigen kalligrafischen Labyrinthe des Orients, die der Rocaille sehr ähnliche asiatische Pfefferschote, die als sogenanntes Paisleymotiv scheinbar unsterblich in die Modegeschichte eingegangen ist oder die schlichten geometrischen Streifen und Mäanderbänder, die antike Tuniken säumten.
Was das mit Udo Klenners Bildern zu tun hat? Assoziativ empfinde ich, dass er genau diesen Weg durch die Historie der Ornamentik zu gehen scheint – nur genau umgekehrt.  Schicht für Schicht legt er nicht frei, sondern überlagert unterschiedlich rhythmisch gegliederte Bildzeichenteppiche so, dass sie zum einen einander bekämpfen und verdrängen, aber zum anderen ebenso auch teilweise miteinander symbiotisch verschmelzen und geistige Verwandtschaften zwischen ganzen Generationen und Völkerschaften bloßlegen.
Parallel dazu entsteht der Anklang an einen Kulturbereich, der ebenso stark wie das dekorative Gestalten von Farbe, Rhythmus und Struktur bestimmt ist und nicht zufällig wie auch bewusste geordnete Bildsprache ursprünglich  im Vorgang der Komposition entsteht: die Musik, die ihren akustisch getragenen Klangteppich neben den optisch formulierten Bildzeichenteppich legt, synästhetisch wahrnehmbar bei Betrachtung Klennerscher Malerei.
Und als dritte Komponente findet sich neben der Strenge der Formstilisierung und rhythmischen Ordnung wiederholbarer Elemente ebendas: die kontrastreich dagegen stehende lebendig spontane Handschrift eines leidenschaftlichen Malers. Frei fließende Farbverläufe sprengen immer wieder die nur auf den ersten Blick rational gebaut erscheinende Bildordnung, befördern die Durchdringung verschiedener Bildebenen, hinterfragen kritisch und hintertreiben konspirativ das scheinbar so sichere Ordnungssystem der Dekorreihen, an denen sich unser Auge eben noch arglos und genussvoll entlang gehangelt hatte.
Und so stehen die farbstrotzenden, formüppigen Bilder auf einmal auch für Gedanken über die Wandelbarkeit des Gesicherten, das Wanken des Bodens unter den Füßen, die Brüchigkeit des dünnen Eises der kulturellen Zivilisation über den Untiefen unserer animalischen Ursprünge, aber auch für die Freude am Facettenreichtum des Lebens und an der grundsätzlichen Verwandtschaft des geistigen und emotionalen Potentials der gesamten Menschheit.
Natürlich hat der Bühnen- und Kostümbildner am eigenen Leibe erfahren, dass Theaterarbeit heißt, täglich Zeitschichten und Schicksale zu durchschreiten und mit möglichst wenigen Bildmitteln Charakteristisches hinter dem dominierenden Sprachkunstwerk des Stückes sichtbar zu machen. Natürlich beherrscht er die Geschichte der Ornamentik aus dem Effeff, kann aus dem Handgelenk Rosetten und Palmetten, Akanthusblatt und Arabesken, Eierstab und Fischblase, Maßwerk, Stabwerk, Gitterwerk auf die Leinwand zaubern, um nur einige kunsthistorisch markante Dekore zu nennen.
Doch das ist nur die handwerkliche Basis für das kreative Spiel damit und die oberste Folie, die - Linie gegen Fläche - entscheidende grafische Akzente auf einen Fond vielschichtiger malerischer Überlegungen und Untersuchungen setzt und den Eingriff ins System noch einmal deutlich dokumentiert - denn genau das ist das titelgebende Thema: Reihung und Verschiebung sind Prozesse, die unser Leben begleiten: Ordnungen werden geschaffen, um sich seines Platzes im großen Gefüge zu versichern, um sich leichter orientieren zu können, die Welt für den menschlichen Geist überschaubar zu machen - Verschiebungen zeigen, dass Veränderungen möglich sind, dass der Mensch und das Leben überhaupt letztlich unvermessbar und unberechenbar bleiben - Gott sei Dank! Rationalität und Emotionalität prallen aufeinander und verschmelzen wie die Bildschichten Klenners zu einer untrennbaren Einheit - der berühmten Einheit der Gegensätze, die sich gegenseitig bedingen und sich auch durch ihren Kontrast erst richtig erlebbar machen. Lust auf diese Auseinandersetzung macht diese zugleich beherrschte und spontane kultivierte Malerei.